Praktikum bei der Staatsanwaltschaft

Wie viele Jugendliche in meinem Alter habe ich noch keine eigene Neigung zu einem bestimmten Berufsbild entwickelt.
Meine Interessengebiete sind sehr unterschiedlich gestreut und beinhalten neben Jura unter anderem auch Design, Informatik und Journalismus.

Inspiriert durch Gerichtsshows, aber vor allem von vielen Krimis, wollte ich allerdings besonders gerne einen Blick hinter die Kulissen der Rechtssprechung werfen. Daher habe ich mich mal bei der Staatsanwaltschaft umgesehen.
Die Staatsanwaltschaft in Stuttgart erschien mir der perfekter Praktikumsplatz, weil sie im Vergleich zu kleinen Anwaltskanzleien oder Amtsgerichten die beste Möglichkeit bot, möglichst mehrere Tätigkeiten kennenzulernen (Staatsanwalt, Anwalt, Richter, Polizist).
Eine Tätigkeit im juristischen Bereich wäre für mich jedenfalls durchaus vorstellbar.

Meine Erfahrungen auf der Suche nach einem Praktikumsplatz

Die Suche nach einem BOGY-Platz war schwieriger als gedacht.
Ich bewarb mich zuerst bei einer regionalen Zeitung, die mich mit der Begründung ablehnten, dass sie dieses Jahr keinen Praktikumsplatz zur Verfügung hätten.
Daraufhin konzentrierte ich mich voll und ganz auf meine juristischen Interessen.
Ich informierte mich auf der Homepage der nächsten Staatsanwaltschaft über ein mögliches Schülerpraktikum und die Ansprechperson dafür.
Nachdem ich telefonisch bei der Staatsanwältin weitere Informationen erhalten hatte, unter anderem, dass es sich um ein Gruppenpraktikum handeln würde, schickte ich ihr eine kurze Bewerbung zu. Erst wesentlich später erhielt ich die schriftliche Zusage für meine BOGY-Stelle bei der Staatsanwaltschaft.

Meine Erkundungsstelle:

Die Staatsanwaltschaft ist ein von anderen Behörden unabhängiges Organ der Rechtspflege. Ihre Aufgabe ist die Strafverfolgung und die Mitwirkung im Gericht.

Sie ist zuständig für die Verfolgung von Straftaten, die in diesem Bereich von Erwachsenen (ab 21 Jahren), Heranwachsenden (18-21 Jahre) und Jugendlichen (14-17 Jahre) begangen werden.
Gegliedert ist die Staatsanwaltschaft in mehrere Hauptabteilungen mit vielen Unterabteilungen, der Strafvollstreckung, der Leitung und der Pressestelle.
Im Erdgeschoss liegt das Büro der “Wachmänner“, die für die Sicherheit im Gebäude zuständig sind. Ohne vorherige Anmeldung und Vorzeigen des Personalausweises kommt man nicht durch die Drehtüre in das Innere des Gebäudes.
In einem zusätzlichen Gebäude liegt die Kantine und die Asservatenkammer, in der die beschlagnahmten Gegenstände aufbewahrt werden.

Das Betriebsklima:

Das Betriebsklima in der Staatsanwaltschaft ist entspannt und freundlich. Ich hatte es mir im Vorfeld wesentlich angespannter und förmlicher vorgestellt.

2.) Mein Tagesablauf:

Montag:

An meinem ersten BOGY-Tag sollte ich mich zusammen mit den anderen Gruppenmitgliedern um 10.00 Uhr mit meinem Personalausweis am Haupteingang der Staatsanwaltschaft einfinden.
Nachdem die erste Hürde, die Eingangskontrolle, gemeistert war, wurden alle zwölf Schüler von unserer Ansprechperson, in einem Konferenzzimmer im sechsten Stock begrüßt.
Wir besprachen das Wochenprogramm und bekamen eine Einführung in das Ermittlungsverfahren und den Ablauf einer gerichtlichen Hauptverhandlung.
Am Anfang jedes Ermittlungsverfahrens steht die Anzeige bei der Polizei oder der Staatsanwaltschaft. Erst nachdem ausreichende Anhaltspunkte für eine strafbare Handlung vorliegen, leitet die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren ein.
Es werden mit Hilfe der Polizei alle be- und entlastenden Tatsachen ermittelt.
Entweder wird das Verfahren an diesem Punkt wegen mangelnden Tatverdachts eingestellt, oder die Staatsanwaltschaft erhebt bei einem zuständigen Gericht Anklage.
Bei einem Verhandlungstermin wird dann über die Anklage verhandelt, die Beteiligten werden angehört und alle vorhandenen Beweismittel geprüft.
Daraufhin verkündet der Richter (manchmal sind es auch mehrere) das Urteil.
Dabei muss der Staatsanwalt hauptsächlich die Anklage verlesen, noch offene Fragen klären und ein Urteil vorschlagen.
Nach dieser ausführlichen Erklärung lasen wir ganz verschiedenen Akten (mit unkenntlich gemachten Namen) zu aktuellen Fällen und besprachen das Vorgehen der Staatsanwaltschaft anhand dieser Beispiele.

Dienstag:

Am folgenden Tag stand ab neun Uhr ein Besuch bei der Landespolizeidirektion an.
Uns wurden verschiedene kriminaltechnische Untersuchungen vorgestellt und die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft erläutert.
Die Polizei kann man als „rechte Hand“ der Staatsanwaltschaft bezeichnen, welche auch „Herrin des Ermittlungsverfahrens“ genannt wird.
Wir besichtigten das Fotolabor – mit Dunkelkammer und eigenem Fotostudio und stellten selbst Phantombilder am PC her.
Aus einer riesigen Datenbank kann sich dabei der Zeuge verschiedene Gesichtsformen, Münder, Nasen, Frisuren , usw. aussuchen, die von einem Polizeibeamten mit Photoshop individuell angepasst und verändert werden können.
Außerdem lernten wir verschiedene Techniken kennen, mit deren Hilfe man gefälschte Dokumente (Ausweise, Urkunden usw.) analysiert. Unter UV-Licht oder anderen speziellen Lampen kamen wir trickreichen Fälschern auf die Spur, die zum Beispiel Fotos austauschten, einzelne Zahlen so veränderten, dass zum Beispiel aus einer drei eine neun wurde und sogar Pässe komplett neu herstellten. Die Personalausweise aller zwölf Praktikanten bestanden die elektronische Überprüfung ihrer Echtheit.
Ballistische Untersuchungen und verschiedene Waffen durften uns die Beamten leider nicht vorführen.

Mittwoch:

Am Mittwoch trafen wir uns um 9:30 Uhr in der Staatsanwaltschaft.
An diesem Tag durften wir leider nichts Praktisches machen, sondern bekamen nur einen Einblick in die Zeugenbegleitung und die Rolle des Zeugen vor Gericht.
Um herauszufinden, was tatsächlich geschehen ist, und um zurückliegende Vorgänge beurteilen zu können, werden vor Gericht häufig Zeugen benötigt.
Ein Zeuge ist verpflichtet vor Gericht zu erscheinen und kann seine Aussage nur in Sonderfällen (z.B. Verwandtschaft mit dem Angeklagten) verweigern.
Vielen Menschen, besonders Kindern, Frauen und Opfern von Gewalttaten, fällt das sehr schwer.
Ein Zeugenbegleiter soll diesen Menschen die Angst vor der Gerichtsverhandlung nehmen, ihnen das Gerichtswesen erklären und sie zu ihrer Verhandlung begleiten.
Um Zeugenbegleiter zu werden, braucht man kein Jurastudium oder Ähnliches, sondern muss im Vorfeld verschiedene Kurse absolvieren. 7
Danach besuchten wir das Haus des Jugendrechts.
Jugendgerichtshilfe, Staatsanwaltschaft und Polizei sind hier Tür an Tür untergebracht, um eine schnellere und effektivere Zusammenarbeit zu garantieren.
„Wenn Jugendliche straffällig werden, sind rasche Sanktionen erforderlich – auch, um die Betroffenen vor einem weiteren Abgleiten in die Kriminalität zu bewahren. Im Haus des Jugendrechts in Bad Cannstatt arbeiten die Behörden nach dem Prinzip: schnelle Bestrafung, aber auch schnelle Hilfe“.
Anhand vieler, meist erschreckender, Beispiele erläuterte man uns, wie wichtig das Haus des Jugendrechts dabei ist, junge Straftäter wieder auf die richtige Bahn zu bringen.

Donnerstag:

Am vorletzten Tag unseres BOGY-Praktikums begleiteten wir einen Staatsanwalt zu mehreren Gerichtsverhandlungen im Amtsgericht.
Alle sieben Verhandlungen waren öffentliche Sitzungen.
Wir nahmen im hinteren Teil des Saals Platz, während die Richterin gegenüber von uns an einem erhöhten Tisch am anderen Ende des Raumes saß.
Staatsanwalt und Gerichtsschreiber saßen an ihrer rechten Seite. Auf der anderen Seite nahmen jeweils der Angeklagte und sein Anwalt Platz.
Die Zeugen mussten vor der Tür warten, wurden von Richterin Dawidowsky einzeln hereingerufen und mussten sich mit dem Rücken zu uns auf einen Stuhl in der Mitte des Raumes setzen.
An diesem Verhandlungstag standen Verstoß gegen das Waffengesetz, Urkunden-fälschung, vorsätzliche Körperverletzung, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz und Beleidigung auf dem Programm.
Nachdem die Richterin die Verhandlung eröffnet, die Personalien des Angeklagten erfragt und alle Anwesenden über ihre Rechte belehrt hatte, verlas der Staatsanwalt die Anklage. Es folgte die Beweisaufnahme, bei der hauptsächlich der Richter und der Staatsanwalt Fragen stellen, aber auch Zeugen verhört werden und sowohl der Anwalt, als auch der Angeklagte das Recht haben sich zu äußern.
Danach hielten der Staatsanwalt und der Anwalt ihr Plädoyer. Anschließend zog sich der Richter zur Urteilsfindung zurück und verkündete dann unter Berücksichtigung aller mildernder und erschwerender Umstände das Urteil.
Das letzte Wort hat der Angeklagte.
Wir bekamen an diesem Tag einen informativen Einblick in die Arbeit des Staatsanwaltes bei Gericht und den Ablauf einer Hauptverhandlung.
Zwischen den einzelnen Fällen hatte die Richterin Zeit unsere Fragen zu beantworten.

Freitag:

Wir besprachen das Berufsbild des Staatsanwaltes und sie informierte uns über das Studium, die Verdienstmöglichkeiten und alternative Berufe.
Wir konnten noch offen stehende Fragen stellen, bekamen unsere Teilnahmebescheinigung und verabschiedeten uns.

3.) Hintergrundinformationen:

Das Studium:

Um Staatsanwalt zu werden, muss man das Abitur abgeschlossen haben und an einer Universität für ein Jurastudium angenommen werden.
Jura studieren kann man an vielen Universitäten in Deutschland, zum Beispiel an der Juristischen Fakultät in Tübingen.10
Jura kann nur komplett (keine Teilgebiete!) studiert werden, wozu Straf-, Zivil-, und öffentliches Recht gehören, sowie verschiedene Wahlfächer. (Zum Beispiel Kriminologie, Rechtsinformatik oder Methodenlehre)11
Um am ersten Staatsexamen teilnehmen zu können, muss man Grundlagenscheine in den verschiedenen Fächern bestehen. Diese bekommt man nach bestandenen Prüfungen (mindestens vier von achtzehn Punkten.)
Nach dem ersten juristischen Staatsexamen muss man in verschiedenen juristischen Berufen ein Referendariat ableisten und kann sein zweites Staatsexamen machen.
Mit diesem erlangt man die „Befähigung zum Richteramt“ und die „Befähigung zum höheren allgemeinen Verwaltungsdienst“ .
Berufsbezeichnung nach bestandenem ersten Staatsexamen: Diplom-Jurist.
Berufsbezeichnung nach bestandenem zweiten Staatsexamen: Rechtsassessor.
Außerdem kann man sich den Doktortitel (durch eine Dissertation und eine mündliche Prüfung) erarbeiten.
Insgesamt dauert das Studium bis zum ersten Staatsexamen mindestens 9 Semester. Dazu kommen zwei Jahre Referendariat bis zum zweiten Staatsexamen.
Empfohlen wurde uns keine bestimmte Universität, allerdings kommt in unserem Landkreis vor allem die juristische Fakultät Tübingen in Frage. Dort werden 500€ Studiengebühren pro Semester verlangt.

Berufsfeld/Karriere/Selbstständigkeit

Nach bestandenem zweiten juristischem Staatsexamen kann man nicht nur Staatsanwalt werden, sondern hat die Auswahl zwischen verschiedenen juristischen Berufen und dem höheren Staatsdienst.
Dazu gehören Anwalt, Richter, Notar und Staatsanwalt.
Bei vielen Staatsanwälten ist es tatsächlich so, dass sie je nach dem, was gerade gebraucht wird, als Richter oder Staatsanwalt tätig sind.
Man kann nicht nur beim Staat arbeiten, sondern sich zum Beispiel als Anwalt selbstständig machen oder als Anwalt in einer Kanzlei arbeiten.
Arbeitsplätze für Juristen gibt es außerdem bei Banken, Firmen, Kammern, Dienstleistungsunternehmen, in Industrie&Wirtschaft oder bei Versicherungen.
Auch der Weg nach oben steht einem offen, indem man zum Kammervorsitzenden, Abteilungsleiter, Schöffenrichter, Gruppenleiter oder Oberstaatsanwalt befördert wird.
Die Bezahlung ist als Staatsanwalt beim Staat anfangs auf ca. 2500€ festgelegt, erhöht sich jedoch mit zunehmendem Dienstalter und je nach Beförderung.

Arbeitsmarktsituation

„Wer in diesem Jahr seine juristische Ausbildung beendet, hat es deutlich schwerer als ältere Kolleginnen und Kollegen, einen adäquaten Arbeitsplatz zu finden. Der glatte Übergang vom Studium in die juristische Karriere oder in die erfolgreiche Anwaltspraxis ist nicht mehr Standard, seitdem jährlich mehr als 7000 frischgebackene Juristen auf den Arbeitsmarkt drängen. […]
Zu große Sorgen sollte man sich aber nicht machen. In der juristischen Ausbildung werden Fähigkeiten trainiert, die in der freien Wirtschaft sehr geschätzt sind und die dem Bewerber nur Pluspunkte bescheren: juristische Fachkenntnisse, Analyse- und Urteilsfähigkeit, systematisches Denken und methodisches Arbeiten sowie die Fähigkeit, sich schnell in neue Sachverhalte einarbeiten zu können.“14
Auch Staatsanwältin Vetter wies uns deutlich darauf hin, dass die Einstellungschancen als Jurist in letzter Zeit nicht sehr rosig sind. Es gäbe eine „Juristenschwemme“ und meistens hätte nur, wer sich spezialisiert oder sehr gute Noten erreicht, die Aussicht auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz.

4.) Abschluss:

Persönliche Bewertung:

Meine Praktikumswoche bei der Staatsanwaltschaft war sehr informativ und lehrreich. Gerne hätte ich mein Praktikum um eine weitere Woche verlängert, was aber leider nicht möglich war, um noch mehr über die verschiedenen Berufsfelder erfahren zu können.
Besonders gefallen hat mir, dass ich nicht nur einen Einblick in die Tätigkeiten eines Staatsanwalts bekommen habe, sondern auch noch in die eines Richters, Anwalts und Polizisten.
Sehr positiv war für mich die Erfahrung, nicht nur von außen zuschauen zu dürfen, sondern einen wirklichen Blick hinter die Kulissen der Rechtssprechung zu bekommen.
Schön wäre es gewesen, wenn wir uns mehr mit dem Jugendstrafrecht beschäftigt hätten, da dieses uns persönlich betrifft und ziemlich spannend sein kann.
Ich bin mir zwar immer noch unsicher, was meine berufliche Zukunft betrifft, jedoch hat sich in dieser Woche mein Interesse für einen juristischen Beruf bestätigt.
Der Beruf eines Anwalts kommt für mich allerdings überhaupt nicht mehr in Frage, weil ich gemerkt habe, dass ich nie einen Menschen verteidigen könnte, von dessen Schuld ich überzeugt bin.
Staatsanwalt und Richter könnte ich mir dafür sehr gut vorstellen.

Autor: TripleN

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